Die Tatsache, dass wir dies nicht tun, kann nur darauf zurückzuführen sein, dass Missachtung, mangelnde Fürsorge und totales Ignorieren jeglicher Pflegevorschriften in unseren Augen ein Zeichen geäusserter Zuneigung darstellen. So etwa, wie alte Lederjacken erst durch jahrelange Misshandlung richtg gut aussehen - also erst wenn sie die richtige Patina aufweisen ... oder wenn Cowboy-Boots erst den richtigen Look haben, wenn der erste Absatz komplett abgelaufen ist.
Aber wie ist das mit Brands? Sind die nicht durch Styleguides definiert und von adleräugigen Brandmanagern bewacht? Sind sie nicht das bestgehütete und am strengsten bewachte Asset eines Unternehmens? Das Gut, dass vor jedem Missbrauch und jeder Beschmutzung zu schützen ist - um jeden Preis? In unseren Träumen - vielleicht!
Wie sonst lässt sich erklären, das sog. Marketingleitungen (oder heisst das 'Leitern'?) die grundlegendsten Regeln vergessen oder missachten, sobald sie meinen dass entweder
a) gerade keiner hinsieht. Oder
b) es "doch eigentlich egal ist". Oder
c) eine Marken-konforme Vorgehensweise grundlegende Denkprozesse voraussetzen würde bzw. mit Arbeit verbunden wäre ...
Ähnlich schlimm ist es, wenn Marken kleiner Unternehmen, die dafür einfach noch nicht reif genug sind (die Unternehmen, nicht die Marken) auf einmal ins Ausland übertragen werden ...
So haben sich die Hersteller dieser leckeren portugiesischen Fischkonserve wohl keine Gedanken gemacht, wie ihr Produkt in Englisch-sprachigen Ländern ankommen würde.
Aber in aller Fairness: wenigstens in ihrer eigenen Sprache machte der Name Sinn.

Oder der leckere Eis-Tee, der sich leider in Deutschland so nicht verkaufen lässt...
Auch hier gilt zur Verteidigung des Herstellers, das immerhin im Ursprungsland, der Name einen gewissen Sinn hatte ...
Aber wie ist es mit sinnlosen Testimonials und anderen albernen Begleiterscheinungen von Brands?
Wer kennt sie nicht, die lustige Klementine, die uns über Jahre hinweg half, auch die schlimmsten Flecken zu entfernen ... stellen Sie sich vor, Klementine wäre nach England oder in die USA exportiert worden - dorthin, wo die primäre Assoziation mit diesem Namen ein Lied ist ... Hätte man dann direkt den Liedtext geändert? Quasi: "in a cavern, doing laundry ..."?
Oder erklären Sie doch mal einem Amerikaner, warum Generationen hierzulande immer "Hello, Mr. Emperor!" rufen und sich dabei total sicher fühlen ... (an "Meanness is horny!" will ich gar nicht denken ... ;-) )
Noch schlimmer wird es jedoch, wenn der Inhaber der Marke meint, seine Marke sei im Original nicht Auslands-kompatibel und müsse lokal angepasst werden ... manchmal geht das gut - aber meistens nicht.
Aktuellstes Beispiel sind Dette & Lesch, die lustigen(?) Sparsocken des Handy-Hamburgers blau.de. Diese zwei nervigen Gesellen entspringen, so lässt es uns der Markeninhaber wissen, dem deutschen Begriff "Sparstrumpf" ... Sie verstehen? Sparstrumpf... Strumpf ... blau.de ... blaue Socken ... passt!
Nun wurde blau von lustigen Holländern gekauft, hatte auf einmal Geld und... ging (blau) ins Ausland. Und zwar nach Spanien (also Ostdeutschland II). Und wie es der glückliche Zufall will,wird dort in Randbereichen noch Katalanisch gesprochen und in dieser Sprache heisst die Farbe ebenso wie im Deutschen "blau" - soweit so gut... aber wie bringt man der spitzen spanischen Zunge bei "Dette y Lesch" zu sagen? (Anmerkung der Red.: das wäre phonetisch überhaupt kein Problem gewesen!) Und wie erklärt man der katalanischen Bevölkerung, die 9 Monate im Jahr keine Strümpfe braucht und deren marode Wirtschaftslage jegliche Sparvorhaben zunichte macht, was ein Sparstrumpf ist? Die Lösung präsentiert uns der pfiffige Markenstratege gerne: man gibt ihnen lustige, typische deutsche Namen (oder was der Spanier so dafür hält) und erfindet für sie eine Lebensgeschichte ... und da so ein Murks wie "Handpuppen, die keiner braucht und die deshalb in Entwicklungsländer geschickt werden" nicht zieht, macht man sie kurzfristig zu deutschen Journalisten - und zwar zu deutschen Journalisten, die man wegrationalisiert hat, nachdem sie ihrem Arbeitgeber zu viel übers Sparen beigebracht haben...
Liebes Marketing-Team bei blau.de:
An dieser Stelle überreichen wir Ihnen als besondere Auszeichnung den großen Kulturkeil in Teer am Band. Nach all den Bemühungen der Bundesregierung, der Tourismusverbände, des Göthe-Instituts und anderer, die sich für ein positives Bild Deutschlands im Ausland (vorallem im geplagten Spanien) einsetzen, haben Sie es geschafft, diesen Prozess durch besondere Ignoranz um 20 Jahre zurückzuwerfen... zurück zu "Wurstel con Krauti", "Eimersaufen", "Ey Pablo sprich Deutsch, wir bringen Cash ins Land" und Polts "Man spricht Deutsch"...
An dieser Stelle sei noch eine Frage erlaubt... die beiden gefeuerten Journalistensocken heissen in Spanien "Karl" und "Zetting" ... "Karl" ist klar ... aber wer oder was ist "Zetting"???
... so! Ich gehe mich jetzt übergeben und frage mich, ob Clementine es wohl geschafft hätte, mit genügend Waschpulver und einer Waschmaschine bei 90° aus den beiden Wollmonstern lustige weisse Kinderschühchen zu zaubern ...
In diesem Sinne!

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